Familie Biermann

leibnizstrasse07Familie verkaufte 1919 die Villa an Max Biermann, Besitzer des 1878 gegründeten und später größten Textilkaufhauses in Thüringen (1928 rund 200 kaufmännische Angestellte, 120 Näherinnen im Betrieb und 50 Heimarbeiterinnen; Geschäftshaus mit 6.500 qm). Max Biermann war Mitbegründer der ersten „freien Vereinigung“ Geraer Juden.[1] Er verstarb 1922 in Gera. Letzte Ruhestätte ist auf dem Ostfriedhof.
In die Villa zogen seine Söhne Erich und Herbert (beide geboren 1890 in Gera) Biermann mit ihren Familien.Erichs Familie bestand aus seiner Frau Edith (geb. Hartoch; 1896), der Tochter Anneliese (geb. 1921) und Sohn Helmut (geb. 1924).

Herbert Biermann lernte nach dem ersten Weltkrieg  die Fabrikantentochter Anna Sibilla Sternefeld (geboren 1898 in Goch am Niederrhein) kennen. Nach ihrer Hochzeit zogen sie nach Gera. Im gleichen Jahr wurde die Tochter Helga (1920) und 1923 Sohn Gerd (später in Palästina Gershon) geboren.

Anna Sibilla genannt Aenne wandte sich der Fotographie zu. Es entstanden zahlreiche Fotos der Kinder im Garten, in der Wanne, beim Spielen und Schreiben. Als Photographin wurde sie als Vertreterin der „Neuen Sachlichkeit“ bekannt.

Eine enge Verbindung zum Maler Kurt Günther, zum Architekten Thilo Schoder und Walter Gropius sowie zum Geologien Rudolf Hundt hat es gegeben. Davon zeugen einige Fotos aus jener Zeit.

Im Werkverzeichnis[2] von Thilo Schoder sind einige Arbeiten für die Familien Biermann dargestellt:

  • WV 13 Wohnung Herbert Biermann 1919-1921
  • WV 25 Wohnung Erich Biermann  1919-1923
  • WV 67 Damenzimmer Aenne Biermann 1926
  • WV 85 Kinderzimmer Erich Biermann 1927
  • sowie WV 102 Textilkaufhaus
  • WV 112 Textilkaufhaus
  • WV 113 Textilkaufhaus
  • sowie WV 123 Springbrunnen Dahliengarten Gera 1929-1930

toni_bierman_storeHerbert Biermann gehörte in den 1920er Jahren der „Literarischen Gesellschaft“ an. Persönliche Verbindungen bestanden zu Franz Werfel und Carl Zuckmayer, die öfter ihn in Untermhaus besuchten.

Aenne Biermann starb bereits 1933.

Zum Haushalt gehörte Hilde Sternefeld (geb. Noelle; 1897, Schwägerin von Aenne; 1926 geschieden) sowie ihr Sohn Günter (geboren 1920). Herbert Biermann und Hilde Sternefeld die ebenfalls in der „Literarischen Gesellschaft“ in Gera als Kassiererin tätig war verlobten sich. Hilde Sternefeld trat zur jüdischen Religionsgemeinschaft über. Beide beabsichtigten 1939 zu heiraten, was ihnen von den Nationalsozialisten verwehrt wurde.

Nach der Machergreifung durch die Nationalsozialisten wurde das Leben für jüdische Mitbürger durch systematische Einschränkungen und Boykottmaßnahmen erschwert.  Helga und Gerd sowie Günter mussten 1934 die Schule verlassen und kamen in ein jüdisches Landschulheim Caputh in der Nähe von Potsdam. Helga und Günter gingen mit 15 Jahren nach Palästina. Gerd besuchte bis 1939 das jüdische Gymnasium Siegmundshof in Berlin und konnte nach Palästina auswandern.

Die Familien Biermann bereiteten ihre Emigration nach 1934 vor.  So ließ sich die Ehefrau von Erich Biermann als Kosmetikerin und Masseuse ausbilden, um später eine eigene Existenz aufzubauen.

Herbert und Erich Biermann wurden nach der Progromnacht am 10.November 1938  verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Nach einigen Wochen und ihrer Rückkehr aus Buchenwald mussten sie ihren Besitz  und damit auch das Anwesen in der Wilhelmstraße 1 verkaufen. [3]

Erichs letzte Geraer Wohnung befand sich im Haus Blücherstraße 11. Er und seiner Frau gelang nach Kriegsbeginn die Ausreise in die USA (Brooklyn).

Herbert Biermann und Hilde Sternefeld erhielten die Zuweisung ins „Judenhaus“ Agnesstraße 4. Erst nach Kriegsausbruch Anfang 1940 konnte er über Südosteuropa nach Haifa zu seinen Kindern auswandern.

Nach schwerer Krankheit verstarb Hilde Sternefeld im Oktober 1942 in den Milbitzer Heilanstalten.[4]


[1] Quelle: Statut der Israelischen Vereinigung zu Gera/ Stadtarchiv; aus Juden in Gera I von Werner Simsohn; Hartung-Gorre Verlag Konstanz  1997
[2] Werkverzeichnis und Nachweis  bei Ulrike Lorenz; Thilo Schoder –Ein Architekt im Spannungsfeld der Moderne; Glaux Verlag Jena, 2001 Seiten 94/95; 331f.,343f., 394f.,428f,464f.
[3] Quelle: Artikel aus TLZ vom 22.2.1997, Die Villa wurde ein Treff der Künstler von Karin Lange
[4] Quelle: Juden in Gera II; Werner Simsohn ; Hartung-Gorre Verlag Konstanz 1998; Seite 25 ff, 228f.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s